Digitalisierung im Dienste des Menschen – Angelika Eder

„Zum Glück brauchen wir eine solche Fernsehpraxis nicht: ‘Sagen Sie mal ihrer Frau, sie soll ihren Rachenraum mit der Taschenlampe ausleuchten.’ Den Herrn mit den Hämorrhoiden lassen wir weg. Ach ja, Sie müssen Ihre Berufsbezeichnung ändern in ‘Teledoktorin’.” So erbost wird im Internet das Engagement einer Breckenheimer Allgemeinärztin für digitale Medizin kommentiert. Wortwahl und Beispiele bringen Ängste und Vorbehalte von – nicht nur technikfernen – Patienten auf den Punkt. Dabei hatte Dr. Susanne Springborn lediglich einen Ausweg aus der hausärztlichen Unterversorgung im Wiesbadener Osten gesucht: Statt der erforderlichen zwölf Ärzte gibt es dort nur sechs für 21.000 Bewohner. Um unter diesen Umständen die gesundheitliche Versorgung von Senioren und chronisch Kranken nachhaltig sicherzustellen, gründete die 50-Jährige den gemeinnützigen Verein „Curandum“ zur Förderung des gleichnamigen sektorenübergreifenden Netzwerks. Auch Springborns eigene Praxis bedurfte einer innovativen Lösung, um den genannten Patienten – trotz ständig voller Wartezimmer – zeitnah zuhause helfen zu können. Eine Möglichkeit dazu fand sie im Projekt “Medizinische Televisite Rheingau” des St.-Josef-Hospitals Rüdesheim mit derzeit 22 angeschlossenen Praxen, Pflegediensten und -heimen: Es soll Patienten nicht zuletzt bei der Wundnachsorge Fahrzeiten oder Umgebungswechsel ersparen. Demgemäß stattete sie die Praxis mit mehreren Tablets aus – also Micro, Kamera, Monitor – und stellte für technikaffine Patientenangehörige sowie Pflegedienstkräfte entsprechende Koffer zur Abholung bereit. Zur Televisite suchen ihre geschulten medizinischen Fachkräfte Betroffene auf, sprechen mit ihnen, ermitteln Werte etwa zu Blutdruck oder Sauerstoffsättigung und fotografieren bei Bedarf Wunden, um dann den Arzt per Video dazuzuholen. Dr. Springborn wertet aus, fragt nach, ordnet etwaige Medikationsänderungen an und macht sich selbst ein Bild vom Patienten. Einen Teil dieser Televisiten überführt sie seit neuestem in Videosprechstunden, die übrigens aus Datenschutzgründen ebenso wenig mitgeschnitten werden dürfen wie die Televisiten. Angst vor “Datenklau” kennt ihr technikbegeisterter Patient Anton Bozic nicht, zumal er wisse, dass Experten ohnehin alles im Netz ausspionieren könnten. „Aber wichtig ist mir, dass ich im Winter nicht fahren muss und mir langes Warten in der Praxis erspare, wo mich vielleicht noch Grippekranke anstecken. Ja, natürlich ist es kein unmittelbarer Kontakt, aber mein Kommunikationsstil oder der meiner Ärztin ändert sich doch nicht durch das Medium. Das erzeugt bei mir keine Distanz!” Genauso erlebt das Springborn mit anderen Patienten – darunter auch jene, die eine psychosmomatische Basisversorgung benötigen, aber das Haus nicht verlassen wollen – sowie mit Berufstätigen bei deren abendlichen Bluthochdruck-Kontrolle: Trotz der zwischengeschalteten Technik könne sie durchaus die Verfassung des ihr gut bekannten Erkrankten einschätzen; Emotionen würden problemlos übermittelt, die Verständigung sei einwandfrei. Sogar mit einer ertaubten Betroffenen habe sie sich über den Bildschirm verständigen können: “Das Lippenlesen funktionierte!” Dank der guten Bildqualität habe sie sogar ein Lippenkarzinom entdecken können und für die Frau sofort einen Hautarzttermin vereinbart. Zwei alten Damen ließ sich dank kurzfristig anberaumter Videokommunikation bei akuten Bauschmerzen beziehungsweise Blutdruckproblemen eine anstehende Krankenhauseinlieferung ersparen. Selbstverständlich sei diese Art von digitaler Medizin nur bedingt für Fachärzte geeignet; allerdings wolle nun eine Zahnärztin Oralkameras in Pflegeheimen bei Angstpatienten testen. Insgesamt zieht Springborn eine erste positive Bilanz: Die Videosprechstunde werde nicht gut bezahlt, aber sie spare Hausbesuche inklusive Fahrzeiten. „Für mich steht aber auch der Mensch im Mittelpunkt und die Technik behindert mich nicht in meinem Arztberuf, sondern unterstützt mich in meinem Anspruch zu helfen.“ Folglich will sie das Angebot ausbauen und verhandelt auch schon mit einer Krankenkasse. Dass insgesamt nur drei (!) Prozent der Kollegen in ganz Deutschland diese Art digitaler Medizin nutzen, ist ihr ein Rätsel. „Für mich ist das ein absolutes Muss angesichts einer ständig alternden Gesellschaft und des Fachkräftemangels im Gesundheitssystem.“

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